Enrico de Paruta

- ein Leben mit der HEILIGEN NACHT

Anna Maria Bernhardt im Gespräch mit Enrico de Paruta

anlässlich seines 45-jährigen Bühnenjubiläums als Erzähler

Bernhardt: Herr de Paruta, welchen Beruf geben Sie an, wenn Sie im Hotel einchecken?

Paruta: Das hängt ganz davon ab, in welcher Funktion ich mich dort aufhalte. Beim Finanzamt werde ich als Kunst- und Kulturschaffender geführt.

Bernhardt: Einen Namen haben Sie sich als Hörfunk- und Fernsehmoderator des Bayerischen Rundfunks gemacht, haben Musikshows im ZDF präsentiert und sind heute als Autor, Texter, Komponist, Regisseur, Musik- und Bühnenproduzent tätig, haben ein Buch über Rhetorik und Körpersprache herausgebracht und veranstalten mit Ihrer Konzertdirektion edp seit vielen Jahren Weihnachtstourneen. Sie sind Mitglied des Bayerischen Journalistenverbandes, Ehrenkommissar der Bayerischen Bereitschaftspolizei und der Goldene Trichter wurde Ihnen auch verliehen. Fehlt noch was? 

Paruta: Ja, der Rentner! Der bin ich zumindest auf dem Papier. In meinem Leben hat sich alles so ergeben. Nichts von all dem war geplant oder angepeilt. Ich habe eigentlich ein angeborenes Phlegma und mache am liebsten nichts. Aber ich bin offen für Neues und das ist mein Verhängnis.

Bernhardt: Würden Sie sich dann als vielseitig bezeichnen oder als multiple Persönlichkeit?

Paruta: Ich hoffe, dass es noch nicht pathologisch ist! (lacht). Wenn man hierzulande als Kreativer kein Schmalspur-Spezialist ist, wird man kritisch beäugt. In anderen Ländern ist Vielseitigkeit die Voraussetzung für eine dauerhafte Karriere.

Bernhardt: Als Erzähler der HEILIGEN NACHT stellen Sie viele unterschiedliche Charaktere dar. Welche Figur liegt Ihnen am meisten?

Paruta: Die des Beobachters, des hinterkünftigen Erzählers, der alle Figuren der HEILIGEN NACHT aus sich heraus entwickelt und sie wie Marionetten führt. Mich blitzschnell in sie zu verwandeln, deren Haltung und Sprache anzunehmen, entwickelt ein gewisses Suchtpotential.   

Weihnachtsfestspiel, München 2018

Bernhardt: Und was macht Enrico de Paruta am liebsten?

 

Paruta: 90 Prozent meiner Tätigkeit besteht ja aus Organisationskram. Was ich an Lebenszeit allein beim Hinterhertelefonieren verloren habe, reduziert mich auf das Alter eines Halbwüchsigen. Produzent und Veranstalter bin ich nur geworden, um meine eigentlichen Fähigkeiten ausleben zu können. Auf der Bühne stehe ich am liebsten. Da hab ich meine Ruh, kann auftanken, Menschen Freude bereiten, sie zum Lachen bringen, rühren und ihnen den Spiegel vorhalten wie ein Hofnarr.

Bernhardt: Sie hatten bereits zwei Jahrzehnte die HEILIGE NACHT vorgetragen, bis der Schub nach vorne kam. Wie kam es dazu?

 

Paruta: Als Hörfunk- und Fernsehmoderator waren die Sendestudios über zwei Jahrzenhte mein zu Hause. Die Dauerbindung an den Bayerischen Rundfunk war auch der Grund, warum ich nie längere Zeit ins Engagement gehen konnte. Literarische Soloprogramme wie die HEILIGE NACHT waren willkommende Momente, ein Publikum direkt anzusprechen. Das sprach sich rum. Als 1993 Gustl Bayrhammer verstorben war, hatte mir eine Frankfurter Konzertdirektion angeboten, sein Alpenländisches Adventssingen im Herkulessal der Münchner Residenz zu übernehmen. Kaum war dies zwei Jahre erfolgreich geschehen, sollte auch schon wieder Schluss sein. Die Konzertdirektion machte aus Altersgründen zu. Was blieb mir anderes übrig, als selbst Veranstalter zu werden. Zum Glück hatte ich keine Ahnung, was da alles auf mich zukommen sollte.    

Heilige Nacht in Augsburg, 1983


Bernhardt: Was ist so schlimm am Veranstalten?

 

Paruta: Es verkürzt die Lebenserwartung ungemein. (lacht) Es war nie mein Lebensplan, unternehmerische Verantwortung und das damit verbundene Risiko zu tragen. Aber ich konnte immer schon gut abschauen, in der Schule wie im richtigen Leben. 1994 hatte ich von einer der größten Tourneeagenturen Deutschlands eine eigene Weihnachtstournee angeboten zu bekommen. Hello Concerts aus Augsburg hatte Haindling, Spider Murphy, Münchner Freiheit und Relax unter Vertrag. Ich war mit der HEILIGEN NACHT der Exot im Portfolio der beiden Chefs Walter Czermak und Lothar Schlessmann. Über zehn Jahre konnte ich unter den Fittichen der beiden Vollprofis wunderbare Weihnachtstourneen erleben, bekam Einblicke ins Management und vorallem ZUtrauen und eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den vielschichtigen Aufgaben. Dafür bin ich heute noch sehr dankbar.  

Bernhardt: Und wie wurden Sie Produzent?

 


Paruta: 1987 wurde ich für eine Benefizaufführung zu Gunsten der Mukoviszidosehilfe angefragt. So lernte ich deren Initiatorin Christiane Herzog kennen, in der Veranstaltung dann Prof. Roman Herzog. Kurze Zeit später war das Ehepaar Gast meiner HEILIGEN NACHT in der kleinen Kirche von Wallgau. Damals war Herzog Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Als absoluter Thoma Kenner hatte Herzog Zugang zum Thoma Archiv. Ein Jahr später übergab er mir ein umfangreiches Manuskript, das er selbst verfasst hatte - eine HEILIGE NACHT FÜR KINDER. Darin waren Erklärungen zum Werk und dem Dilalekt enthalten, verbunden mit dem Gedanken, die Weihnachtslegende zukünftigen Generationen zu öffnen. Eine faszinierende Idee!

ZDF-Produktion Heilige Nacht, Dießen 1995

Bernhardt: Haben Sie das Herzog Manuskript umgesetzt?

 

Paruta:  Als 1994 Herzog Bundespräsident war, initiierte er eine jährliche TV-Weihnachtsfeier, um mit Bürgerinnen und Bürgern in Ost und West gemeinsam das Fest zu begehen. Als gläubiger Christ wollte er der Fernsehnation die Vielfalt deutscher Weihnachtskultur aufzeigen und den Ursprung christlichen Glaubens, die Geburt Christi näherbringen. Von seinem Heimatland Bayern sollte die Pilotsendung kommen. Als er mich fragte, ob ich das Werk fernsehgerecht umsetzen und produzieren könnte, mußte ich erst mal schlucken. Und dann krempelte ich die Ärmel hoch. Der BR hatte kein Interesse und kein Geld. Unter der Vorausssetzung einer Anfinanzierung der Produktionskosten konnte sich das ZDF eine Produktion vorstellen. Nach einigen Fehlschlägen stand das Sponsoiring durch den Bayerischen Sparkassenverband. Von nun kam Fahrt auf, von nun an war ich Produzent.

Bernhardt: Mußten Sie nicht Gefahr laufen, sich zu übernehmen?

 

Ich bin Teamplayer und habe mir immer kompetente Mitarbeiter ins Boot geholt. Ein Chefkoch kocht ja auch nicht allein. Für die Textgestaltung des Herzog Konzeptes konnte ich den Thoma Spezialisten Franz Seitz gewinnen. Mein langjähriger Kollege Eduard Baumgartner, ein erfahrener Live-Regisseur, übernahm die Fernsehregie. Und TV-Star Carolin Reiber erklärte in kindergerechten Zwischenszenen die Inhalte des Werkes. Ehe ich mich versah war ich Hauptdarsteller, künstlerischer Leiter und Produzent einer Fernsehproduktion, die zwei Wochen lang die gesamte Ammersee-Region in Beschlag nahm. Mich kann ja so schnell  nichts aus der Ruhe bringen. Während der Live-Aufzeichnung vor allen Ehrengästen stockte mir allerdings doch der Atem, als ein Kamerakran bei einem Schwenk das Käppchen von Kardinal Wetter vom Kopf schob. Der Protokollschef des Bundespräsidialamtes war mehr als entsetzt. Seine Eminenz nahm es dagegen gelassen und hat mich mit der HEILIGEN NACHT in den Münchner Liebfrauendom eingeladen. Da waren wir dann auch ein Jahr später.

Heilige Nacht im Münchner Dom, 1996


Bernhardt: Im vergangenen Jahr hätten Sie ihr 45-jähriges Bühnenjubiläum mit der HEILIGEN NACHT begangen, wäre die Weihnachtstournee nicht Corona zum Opfer gefallen. Wird es Ihnen nicht leid, immer das selbe Werk auf die Bühne zu bringen?

Paruta: Im Gegenteil! Ich kenne keine Weihnachtserzählung, die in sich so geschlossen, so wunderschön und so vielseitig interpretierbar ist wie die HEILIGE NACHT. Sie war mir Lebensbegleiter, Entwicklungshelfer und Retter in der Not. Ich bin an diesem Werk gewachsen und finde immer wieder neue Aspekte menschlicher Grundmuster und im wahrsten Sinne des Wortes Anhaltspunkte. Ludwig Thoma hat da etwas Einzigartiges geschaffen, das als bayerische Hochkultur noch Generationen faszinieren wird. Ich kenne kein weihnachtliches Werk, das so ein Wechselbad an Gefühlen auslösen kann. Kurz vor der Rührseligkeit setzt der Autor jedesmal einen Bruch durch eine kleine Pointe. Je intensiver ich mich mit den Versen auseinandergesetzt habe, desto spannender wurde mir das Spiel, die beste Nuancierung in Sprache und Ausdruck zu finden.   

Bernhardt: Ist der Erzähler Ihre Lebensrolle?

 

Paruta: Ja, ich glaube schon. Das Werk hat allerdings mich gefunden. Ich war ja gerade zwanzig, als mir die HEILIGE NACHT als Übungstext von meiner Sprecherzieherin Edeltraud Mertel auferlegt wurde. Als ich zum ersten Mal in dem Büchlein blätterte, dachte ich noch: Oh je, lauter Verse! Ein Jahr lang haben wir uns mit dem Text beschäftigt. Umso größer war die Enttäuschung, als ich beim ersten öffentlichen Lesen - das war im Altersheim von Höhenkirchen-Siegertsbrunn - die Senioren in den Schlaf gesprochen hatte. Mir war klar, dass ich eine andere Form des Vortrags wählen musste. Ich musste den Text spielen, den Erzähler zum Zeitzeugen der Handlung machen. Stellt Euch vor, was mir gerade passiert ist! Diese Haltung, der freie, engagierte Vortrag passte zu mir. Das Auswendiglernen dauerte dann nochmals ein Jahr. Dann kam die nächste Enttäuschung. Frau Mertel hatte nahezu eine Aversion gegen die szenische Darstellung des Textes. Das darf man nicht! meinte sie streng. Es sei ja auch noch keiner der großen bayerischen Volksschauspieler jemals auf die abwegige Idee gekommen, den Text als Ein-Personen-Stück zu inszenieren! Die HEILIGE NACHT sei als Lesung gedacht. Ich liebe Frau Mertel noch heute über ihren Tod hinaus und bin ihr unendlich dankbar, dass sie mir den Zugang zu dem Werk eröffnet hat. Unendlich leid tut es mir nur, dass sie sich aus Prinzip keine einzige Aufführung ihres Schülers angeschaut hat. Meine erste Plattenaufnahme allerdings gefile ihr. In der Presse hatte sie alles verfolgt und die Auschnitte fein säuberlich gesammelt. Als ich sie zum letzten Mal wenige Wochen vor ihrem Tod besuchte, übergab mir Frau Mertel die Mappe und meinte verschmitzt: Da wird noch viel dazu kommen bis Sie so alt sind wie ich!    


Bernhardt: In diesem Jahr löste der 100. Todestag von Ludwig Thoma erneut heftige Diskussionen um die historische Einordnung seiner Person und Werke aus. Sind Sie ein Thoma-Fan? 

Paruta: Nein, ich bin genauso wenig Thoma-Fan wie Wagner-Fan. Ich distanziere mich von beiden und habe durchaus meine Probleme, die Werke von ihren Autoren zu trennen und unvorbelastet auf mich wirken zu lassen. Ganz sicherlich gehören Thomas Artikel im Miesbacher Anzeiger zu den widerlichsten Hetzkampagnen der damaligen Zeit. Aus unserer heutigen Sicht sind sie untragbar. Ich habe sie mir einmal angetan und konnte es nicht fassen, dass ein und der selbe Mensch eine tief bewegende HEILIGE NACHT und gleichzeitig diese tumben Hasstiraden verfassen kann. Da hilft auch kein Suchen nach einer Erklärung: Der einst erfolgreiche Satiriker sei bereits krank gewesen, kriegsgeschädigt und in Einsamkeit verbittert, ja böse geworden. Ich ziehe vielmehr Paralellen zum zwiespältigen Handeln mancher heutiger Zeitgenossen, die gutbürgerlich vor sich hin leben und dann in der Geborgenheit der Anonymität Hass- und Morddrohungen im Internet posten. Thoma hat vor mehr als hundert Jahren nichts anders getan. Unter verschiedenen Pseudonymen verfasste er seine Artikel für die Lokalzeitung. Der weit über Bayerns Grenzen hinaus bekannte und beliebte Heimatdichter wiegte sich offensichtlich in der Sicherheit unentdeckt zu bleiben. Thoma hat sich mit diesen Pamphleten selbst vom Sockel des Bauerndichters gestoßen.     

Bernhardt: Wie gehen Sie damit in Ihrer Inszenierung um?

Paruta: Die HEILIGE NACHT ist frei von Thomas antidemokratischen und antisemitischen Gedanken. Er schnitzt sich seine literarische Krippe aus einer tief empfundenen, bodenständigen Gläubigkeit heraus. Da wird er Kind, sentimental, voller Zuversicht und Hoffnung auf das Gute, Göttliche. Sozialkritisch stellt er die hartherzigen Reichen den hilfsbereiten Armen gegenüber. In unserer Inszenierung sind es nicht die Bethelehmiten, sondern irgendwelche Bürgerinnen und Bürger, die sich offen gegen Fremde auflehnen. Aber bei uns machen sie einen Wandel durch, stehen am Schluss an der Krippe und verehren das göttliche Kind der vermeintlichen Fremden. Nur die ewig Gestrigen, Josias und die Base, sie bleiben unverbesserlich und bekommen vom Wunder der HEILIGEN NACHT nichts mit. Thomas Schwarz-weiß-Malerei bekommt bei uns ein paar Brüche. Bekehrung und Versöhnung sind für mich einfach das weihnachtlichere Finale.

Bernhardt: Hat die HEILIGE NACHT wegen ihres Autors nicht an Zauber verloren?

Paruta: Sie ist uns bleibt die schönste, in unsere Bergwelt, Sprache und Mentalität übertragene Weihnachtsgeschichte frei nach dem Evangelisten Lukas. Wer sich auf sie einläßt wird schnell in ihren Bann gezogen. Und dann ist in unserer Festspielfassung ja auch noch die Musik, die den Text trägt und verstärkt. Wir sind bereits vor vielen Jahren in die Klassik eingetaucht, weil sie die Tiefe hat, die Volksmusik in ihrer Schlichtheit nicht erreicht. Ich habe mich sehr früh bereits dafür entschieden, mit Musik von Mozart, Schubert und Haydn völlig neue Akzente in der HEILIGEN NACHT zu setzen. Und heute haben wir Franck, Molino, Giuliani, Bach und Händel neben symphonischer Volksmusik und klassischen Weihnachtsliedern im Programm. Das geht natürlich nur, wenn hochprofessionelle Künstler sie virtuos interpretieren. Die richtige Wahl eiens Mitwirkenden ist dann getroffen, wenn seine Bandbreite stimmt, die Emotionalität echt ist und überspringt. Wir sind heuer in der glücklichen Lage, das bisher größte Ensemble herausragender Künster aus Oper, Konzert, Schauspiel und Instrumentalmusik unter Vertrag zu haben. Auch die Kindersoprane der Engelsstimmen sind heuer eine besonders talentierte Truppe.       

Engelsstimmen, München 2018

Bernhardt: Sie fördern seit Jahren junge Nachwuchskünstler. Ist das Marketing oder innerer Auftrag?

Paruta: Wäre es Marketing, wäre ich reif für die Entmündigung. (lacht) Die Kosten stünden in keinem Verhältnis zum Werbeeffekt. Schauen Sie sich in den Schulen um, in den Musikschulen und Chören. Da wächst ein so großes Potential an wunderbaren, hochbegabten Kindern und Jugendlichen heran, dass es eine Freude ist. Vielfach fehlt es aber an praktischer Bühnenerfahrung. Vor Publikum mit Profis aauftreten zu können, in solistischen Rollen zu brillieren und stehende Ovationen zu ernten, das spornt zur Höchstleistung an. Wir bieten dieses Forum. Während andere am Wochenende an der Spielkonsole zocken, kommen diese Kinder in unsere Workshops und Proben, bereiten sich auf ihre Auftritte vor. Wir behandeln sie nicht als Schüler, sondern als Kollegen. Und in diesem Klima reift so manches Talent, wird frei und entfaltet sich. Das sind Erfahrungen fürs Leben. Was mich am meisten berührt, wenn Jugendliche über Jahre bleiben oder nach dem Stimmwechsel zurückkommen. Das ist es, was ich mir immer erträumt habe, als ich die Kindersoprane der Engelsstimmen ins Leben gerufen habe. Als Kind eines unmusikalischen Elternhauses hatten sich mir diese Möglichkeiten nicht erschlossen. 2004 veranstaltete ich für bayerische Schulkinder den ersten Gesangswettbewerb für den Nachwuchsförderpreis musica Bavariae. Damit hatte ich das Defizit meiner Kindheit bewältigt.   

Anna Maria Bernhardt

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